Aller Anfang ist schwer, muss es aber nicht

Anfangen fühlt sich oft sperrig an. Das kennen wir alle. Eine neue Gewohnheit, ein beruflicher Schritt, eine persönliche Veränderung – der Moment davor ist oft schwerer als der Schritt selbst. Nicht, weil wir es nicht könnten. Sondern weil wir zu viel auf einmal sehen.

Was uns häufig bremst

Oft sind es drei Dinge: der Wunsch, es gleich richtig zu machen (Perfektionismus), die Sorge zu scheitern (Angst vor Fehlern) und das Gefühl, dass alles zu groß ist (Angst vor Überforderung oder dem Unbekannten). Wir warten auf den passenden Moment, rechnen mögliche Folgen durch oder verlieren uns in Details. Das ist menschlich. Und ziemlich normal.

Wie stark diese drei Faktoren wirken, ist jedoch nicht überall gleich. Sie werden kulturell unterschiedlich gewichtet – und färben damit unser Verhältnis zum Anfang.

Im deutschen Kontext zeigt sich häufig eine starke Orientierung an Vorbereitung und Qualität. Anfangen fühlt sich erst dann richtig an, wenn ein Plan tragfähig erscheint. Fehler werden eher vermieden als eingeplant, was den Einstieg verzögern kann. Überforderung entsteht weniger durch die Größe eines Vorhabens als durch fehlende Klarheit. Solange nicht alles durchdacht ist, bleibt der erste Schritt oft liegen.

In Frankreich liegt der Schwerpunkt etwas anders. Hier zählt die innere Stimmigkeit einer Idee. Bevor gehandelt wird, soll der Gedanke überzeugen, eine Logik haben, eine gewisse Eleganz. Fehler sind weniger problematisch, solange sie argumentativ eingebettet werden können. Große Vorhaben schrecken weniger ab – der Anfang darf auch mit einem groben Entwurf erfolgen.

Im amerikanischen Kulturraum ist der Umgang mit diesen drei Hürden deutlich pragmatischer. Perfektionismus spielt eine untergeordnete Rolle, Fehler gelten eher als Teil des Prozesses. Der Einstieg erfolgt früh, manchmal bewusst unfertig. Überforderung wird seltener als Blockade erlebt, große Ziele wirken eher motivierend als abschreckend.

In vielen ostasiatischen Kulturen wiederum verbinden sich hoher Qualitätsanspruch und starke Fehlervermeidung mit einer ausgeprägten Langzeitorientierung. Der Anfang trägt Verantwortung – nicht nur für das eigene Ergebnis, sondern auch für das Umfeld. Fehler können als Gesichtsverlust erlebt werden, was Vorsicht verstärkt. Gleichzeitig wird Überforderung weniger emotionalisiert, solange der Weg als sinnvoll oder verpflichtend verstanden wird.

Diese Tendenzen zeigen: Der Widerstand gegen den Anfang ist kein persönliches Defizit. Er entsteht im Zusammenspiel von inneren Mustern und kultureller Prägung. Wer das erkennt, kann milder mit sich umgehen – und bewusster entscheiden, wie viel Perfektion, Sicherheit oder Offenheit der erste Schritt wirklich braucht.

Hinzu kommt, dass sich Ziele oft nicht genau vorab definieren lassen und die Unsicherheit wohin die Reise gehen soll wiederum einen Einfluss auf unser Vermögen haben den ersten Schritt zu gehen.

Hier können unterschiedliche Perspektiven zum Einsatz kommen:

Die stoische Perspektive: Tu, was jetzt möglich ist

Die Stoiker schlagen eine einfache Unterscheidung vor: Was liegt in meiner Macht – und was nicht? Marcus Aurelius formulierte es so: „Beginne sofort mit dem, was du tun kannst.“

Nicht der perfekte Plan zählt, sondern der konkrete nächste Schritt. Das, was heute machbar ist. Mehr braucht es nicht.

Der Taoismus: Wu Wei – nicht gegen den Anfang arbeiten

Wu Wei wird oft als „müheloses Handeln“ beschrieben. Laozi schreibt: „Eine Reise von tausend Meilen beginnt mit einem einzigen Schritt.“

Manchmal heißt das: handeln. Manchmal heißt es: warten. Der Anfang muss nicht erzwungen werden. Er entsteht oft dann, wenn wir aufhören, gegen uns selbst zu arbeiten.

Positive Psychologie: Kleine Schritte wirken

Aus der Positiven Psychologie wissen wir: Fortschritt entsteht selten in großen Sprüngen. Martin Seligman spricht von small wins – kleinen Erfolgen, die Bewegung erzeugen.

Große Ziele werden leichter, wenn sie klein genug sind, um begonnen zu werden. Jeder Schritt zählt. Nicht, weil er spektakulär ist, sondern weil er real ist.

Eine mögliche Verbindung

Stoisch: Tu heute, was möglich ist.

Taoistisch: Geh mit dem Prozess, nicht gegen ihn.

Psychologisch: Mach es klein genug, dass es geht.

Vielleicht ist der Anfang gar kein großes Ereignis. Vielleicht ist er einfach ein Schritt, der jetzt dran ist.

Der erste Schritt wartet nicht auf den perfekten Moment. Er ist der Moment.